Jesaja 51,4-6
4 Hör mir gut zu, mein Volk, und pass auf! Denn von mir kommt Weisung. Bald mache ich meine Rechtsordnung zu einem Licht für die Völker.
5 Meine Gerechtigkeit ist nahe, meine Rettung ist schon auf dem Weg. Mit starker Hand schaffe ich Recht unter den Völkern. Auf mich hoffen die Bewohner der fernsten Inseln. Sie warten darauf, dass ich meine Stärke zeige.
6 Schaut hinauf zum Himmel und blickt herab auf die Erde! Der Himmel verweht wie Rauch, die Erde zerfällt wie ein abgetragenes Kleid. Ihre Bewohner sterben wie die Fliegen. Aber meine Hilfe wird niemals enden, meine Gerechtigkeit ist unerschütterlich.
Liebe Gemeinde,
"Wenn der Hanns zur Schule ging,
Stets sein Blick am Himmel hing.
Nach den Dächern, Wolken, Schwalben
Schaut er aufwärts, allenthalben:
Vor die eignen Füße dicht,
Ja, da sah der Bursche nicht,
Also daß ein jeder ruft:
„Seht den Hanns Guck-in-die-Luft!“"
4 Hör mir gut zu, mein Volk, und pass auf! Denn von mir kommt Weisung. Bald mache ich meine Rechtsordnung zu einem Licht für die Völker.
5 Meine Gerechtigkeit ist nahe, meine Rettung ist schon auf dem Weg. Mit starker Hand schaffe ich Recht unter den Völkern. Auf mich hoffen die Bewohner der fernsten Inseln. Sie warten darauf, dass ich meine Stärke zeige.
6 Schaut hinauf zum Himmel und blickt herab auf die Erde! Der Himmel verweht wie Rauch, die Erde zerfällt wie ein abgetragenes Kleid. Ihre Bewohner sterben wie die Fliegen. Aber meine Hilfe wird niemals enden, meine Gerechtigkeit ist unerschütterlich.
Liebe Gemeinde,
"Wenn der Hanns zur Schule ging,
Stets sein Blick am Himmel hing.
Nach den Dächern, Wolken, Schwalben
Schaut er aufwärts, allenthalben:
Vor die eignen Füße dicht,
Ja, da sah der Bursche nicht,
Also daß ein jeder ruft:
„Seht den Hanns Guck-in-die-Luft!“"
So beginnt im Struwwelpeter die Geschichte vom Hanns-Guck-in-die-Luft. Es ist vorhersehbar, was weiter passiert: Zuerst fällt er über einen Hund, dann in einen See. Zwei Männer retten ihn, aber seine Schulmappe ist weg.
Der Sinn dieser Geschichte ist wohl: pass auf, Hans, und schau auf deinen Weg! Ich kann ihn aber gut verstehen. Er ist eben ein Träumer. Er schaut nach den Dächern, Wolken, Schwalben. Bevor der in den See fällt, heißt es: „Nach dem blauen Himmel hoch – Sah er wo die Schwalbe flog“. Der blaue Himmel ist viel interessanter als der öde Weg vor ihm. Wenn wir rausgehen, und das Wetter ist schön, machen wir das doch genauso. Wir atmen durch, schauen in den blauen Himmel, vielleicht ziehen noch ein paar interessante Wolken vorbei.
Das Gegenbild dazu ist: Wir gehen mit gesenktem Kopf durch die Welt, sehen gar nicht, wie schön der blaue Himmel ist und wie elegant die Schwalben ihre Runden drehen.
Sie merken schon, dass mir der Hans-guck-in-die-Luft ganz sympathisch ist, obwohl er über den Hund stolpert und in den See fällt. Ich mag an ihm, dass er nach oben schaut, über den sprichwörtlichen Tellerrand hinaus! Er erwartet etwas von seinem Weg. Gut, wir sollten es ihm nicht direkt nachmachen, das wäre leichtsinnig.
Aber der sprichwörtliche Hans-guck-in-die Luft regt mich zu ein paar Fragen an: Wie gehen wir durch die Welt? Wohin schauen wir? Mit welcher Haltung, mit welchem Lebensgefühl sind wir unterwegs?
Der Prophet Jesaja vertritt eine sehr drastische, düstere Haltung: Er schreibt: „Schaut hinauf zum Himmel und blickt herab auf die Erde! Der Himmel verweht wie Rauch, die Erde zerfällt wie ein abgetragenes Kleid. Ihre Bewohner sterben wie die Fliegen.“
„Aber“ – so fährt er fort – „Aber meine Hilfe wird niemals enden, meine Gerechtigkeit ist unerschütterlich.“
Wie passt das zusammen?
Ich kann mir schon vorstellen, dass Menschen mit diesem Lebensgefühl „Der Himmel verweht wie Rauch, die Erde zerfällt wie ein abgetragenes Kleid“ unterwegs sind. Ich denke an Soldaten, die im Schützengraben in der Ukraine hocken. Ich denke an Menschen, die von Hochwasserfluten überrollt werden. Genau so denke ich an die Kollegin, die merkt, dass sie den Kampf gegen den Krebs verlieren wird. Das sind doch Situationen, in denen einem jede Sicherheit und Zuversicht verloren gehen kann. Der Himmel verweht, die Erde zerfällt.
Trotzdem sagt uns Gott: „Meine Gerechtigkeit ist nahe, meine Rettung ist schon auf dem Weg. Mit starker Hand schaffe ich Recht unter den Völkern…. Meine Hilfe wird niemals enden, meine Gerechtigkeit ist unerschütterlich.“
Wir können diesen gewaltigen Kontrast nicht auflösen. Jesus fasst das einmal so zusammen: „Himmel und Erde werden vergehen; meine Worte aber werden nicht vergehen.“ Aber wir können auf den schauen, der die Welt geschaffen hat und der uns verspricht, dass er alles zu einem guten Ende bringen wird.
Wir können mit dem Psalmdichter beten, wie wir es vorhin getan haben: „Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen. Woher kommt mir Hilfe? Meine Hilfe kommt vom HERRN, der Himmel und Erde gemacht hat. Er wird deinen Fuß nicht gleiten lassen, und der dich behütet, schläft nicht. Siehe, der Hüter Israels schläft noch schlummert nicht.“
Liebe Gemeinde, wir stehen am Ende eines Jahres. Jede und jeder denkt an die Tage, Wochen und Monate des alten Jahres zurück. An das Schöne und das Traurige. Ich denke, dass niemand von uns wie Hanns-guck-in-die-Luft herumgelaufen ist, weil das zu gefährlich gewesen wäre. Aber ein ganz klein wenig können wir doch für unseren Weg in das neue Jahr von ihm lernen: Hoch mit dem Kopf! Über den Tellerrand schauen, die Augen aufheben zu den Bergen, wie es der Psalm sagt. Angesichts der Vergänglichkeit ist der Blick in den Himmel, auf die Gnade Gottes, das einzige, was hilft. Von da aus schauen wir anders wieder auf die Erde: nämlich mit der Hoffnung, dass es über, unter und in allem verborgen den gibt, der unsere Zeit in seinen Händen hält und der größer und mächtiger ist als alles auf der Welt. Den Gott, der uns in Jesus Christus sein menschliches Gesicht gezeigt hat. Und der uns zugesagt hat: Siehe, ich bleibe bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.
In unserem Gesangbuch gibt es die Abteilung „Jahreswende“. Darin ist das bekannteste Lied von Dietrich Bonhoeffer. „Von guten Mächten treu und still umgeben.“ Er hat es im Dezember 1944 im Gefängnis geschrieben, es der letzte theologische Text vor seiner Hinrichtung am 9. April 1945, kurz vor Kriegsende.
Was für eine Wahnsinns-Hoffnung spricht aus diesem Lied! „Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist bei uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“
Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
Dr. Johannes Neukirch, Gottesdienst am 31.12.2024 in Ahlem und Badenstedt