Predigt am 3. Sonntag im Advent, 17.12.2023

Sun, 17 Dec 2023 23:15:31 +0000 von Martin-Luther-Kirchengemeinde Ahlem

Predigttext: Mt 11, 2-10
2 Johannes saß im Gefängnis. Dort hörte er von den Taten des Christus. Deshalb schickte er seine Jünger zu Jesus
3 und ließ ihn fragen: »Bist du der, der kommen soll, oder müssen wir auf einen anderen warten?« 
4 Jesus antwortete ihnen: »Geht und berichtet Johannes, was ihr hört und seht: 
5 ›Blinde sehen und Lahme gehen. Menschen mit Aussatz werden rein. Taube hören, Tote werden zum Leben erweckt, und Armen wird die Gute Nachricht verkündet.‹
6 Glückselig ist, wer mich nicht ablehnt.«
7 Die Jünger von Johannes gingen wieder zurück. Jesus begann, zu der Volksmenge über Johannes zu sprechen: »Was habt ihr erwartet zu sehen, als ihr zu Johannes in die Wüste gegangen seid? Etwa ein Schilfrohr, das sich im Wind bewegt?
8 Oder was sonst habt ihr erwartet, dort draußen zu sehen? Einen Menschen in vornehmer Kleidung? Ihr wisst doch: Leute in vornehmer Kleidung wohnen in Palästen!
9 Oder was sonst habt ihr erwartet zu sehen? Einen Propheten? Ja, ich sage euch: Ihr habt sogar mehr gesehen als einen Propheten!
10 Johannes ist derjenige, von dem es in der Heiligen Schrift heißt: ›Siehe, ich sende meinen Boten vor dir her. Der wird dir den Weg bereiten.‹

Liebe Gemeinde,
Begegnung im Supermarkt, ein älterer Herr sucht die Regale ab. Ja, das Gesicht kenne ich, wir grüßen einander, aber den Namen habe ich wie so oft nicht parat. Egal, wir kommen ins Gespräch, mein Gegenüber ist aus der Maria-Trost-Gemeinde, es ist also eine ökumenische Begegnung. Er ist in der Kirchengemeinde und Ökumene sehr engagiert, das stellt sich bald heraus.

Und wir sind schnell bei der Sache: Der Zustand der Kirchen macht ihm große Sorgen. Und der Zustand unserer Gesellschaft ebenso. Ich glaube, „beunruhigt“ war sein Wort, unsere Gesellschaft sei beunruhigt. Er meinte so viel wie, sie hat ein wenig den Halt verloren. Netterweise sagt er dann noch, dass er für einen Pastor oder für eine Pastorin in diesen Zeiten schwer sei, überhaupt etwas bzw. das Richtige zu sagen.

Ich konnte ihm nur zustimmen. Gefühlt macht sich eine große Ratlosigkeit breit, wo auch immer wir hinschauen. Ich muss jetzt nicht all die Brandherde aufzählen, sie sind bekannt. 

Heute meldet sich jemand zu Wort, der ebenfalls ratlos ist: Johannes der Täufer. Was war das für einer? Johannes der Täufer trat um 28 nach Christi Geburt auf, und zwar als Bußprediger. „Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!“ - das war die Kurzfassung seiner Predigt. 

Er muss wild ausgesehen haben, wir hören,  dass er ein Gewand aus Kamelhaaren anhatte und einen ledernen Gürtel; er aß Heuschrecken und wilden Honig

Johannes hatte Erfolg mit seiner Predigt, so wie Jesus hatte er auch Frauen und Männer um sich, die ihm nachfolgten. Als Zeichen dafür, dass die Menschen ihre Sünden bereuen, ließen sie sich von Johannes taufen.

Johannes selbst sah sich als Wegbereiter für Jesus. Er sagte: „Ich taufe euch mit Wasser zur Buße; der aber nach mir kommt, ist stärker als ich, und ich bin nicht wert, ihm die Schuhe zu tragen; der wird euch mit dem Heiligen Geist und mit Feuer taufen.“

Interessant ist, dass Jesus eines Tages zu ihm an den Fluss Jordan kam. Er wollte sich von Johannes taufen lassen. Der wehrt das erst mal ab und sagt, eigentlich muss ich von dir getauft werden, und du kommst zu mir? Aber Jesus besteht darauf und wird von Johannes getauft. Dabei öffnete sich der Himmel, wie es heißt, der Geist Gottes kam „wie eine Taube“, und eine Stimme aus dem Himmel sprach: „Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe“.

Johannes spielt also eine prominente Rolle in der Geschichte mit Jesus. Warum Jesus einen  Vorläufer für seine eigene Verkündigung braucht und wie die beiden wirklich zueinander stehen, bleiben offene Fragen. Matthäus jedenfalls gibt in seinem Evangelium dem Johannes eine klare Rolle: er ist der Vorläufer für Jesus. Der, auf den die Welt wartet, ist und bleibt Jesus. 

So einer, so ein einflussreicher Bußprediger ist eigentlich nicht ratlos!! Der weiß doch, was er zu sagen hat!

Es vergeht einige Zeit, in der wir nichts weiteres über Johannes erfahren. Bis zum Kapitel 11 des Matthäusevangeliums, bis zu unserem Predigttext, der mit dem Satz beginnt „Johannes saß im Gefängnis“. Was war passiert? Unser Bußprediger hatte sich mit dem König Herodes angelegt. Er hatte ihn kritisiert, weil dieser einfach die Frau seines Bruders geheiratet hat, obwohl er selbst ebenfalls schon eine Frau hatte. Die hat er dann verstoßen. Vielleicht ist Johannes aber auch weniger wegen seiner moralischen Kritik ins Gefängnis geworfen worden, sondern weil er dem Herodes zu mächtig geworden war. Wie auch immer, er ist standhaft geblieben und nicht wie ein Schilfrohr ins Schwanken geraten. Er hat sich eingemischt. Dafür wird er allerdings wenig später hingerichtet.

Johannes im Gefängnis. Er hört von den Taten des Jesus, den er seinerzeit getauft hatte. Er müsste eigentlich stolz auf ihn sein! So in dem Stil: Ich habe den Wundertäter und großen Prediger getauft. Schaut mal, was aus ihm geworden ist!

Aber was er von Jesus hörte, reichte ihm offensichtlich nicht! Denn er schickt seine Anhänger zu Jesus mit dem Auftrag, ihn zu fragen: »Bist du der, der kommen soll, oder müssen wir auf einen anderen warten?«

Das ist schon eine heftige Frage! Deshalb habe ich vorhin gesagt, dass er sozusagen ein Genosse unserer Ratlosigkeit ist. Er weiß nicht mehr, was er glauben soll, trotz aller Berichte, die er bekommen hat.

Ganz offensichtlich hatte er etwas Anderes oder besser gesagt mehr erwartet, so wie alle großen Bußprediger. Bei der Taufe hatte er ja über Jesus gesagt, „der aber nach mir kommt, ist stärker als ich, und ich bin nicht wert, ihm die Schuhe zu tragen; der wird euch mit dem Heiligen Geist und mit Feuer taufen.“ Er dachte wohl, wenn der Messias da ist, der Retter, der Heiland, der Richter der Welt dann räumt der endlich endlich im Gericht mit den ganzen Mißständen auf! Die Frevler sollen im Feuer vernichtet werden. Allen voran der sündige König Herodes.

Und das hat Jesus ganz einfach nicht getan. Ganz im Gegenteil, er ruft die Frevler in seine Nachfolge, zum Beispiel den Zöllner Matthäus. Er isst mit Sünderinnen und Sündern. 

Die ratlose Anfrage des Täufers ist also berechtigt, weil Jesus seine auf ihn gesetzten Erwartungen enttäuscht.

Und was antwortet nun Jesus, als die Anhänger von Johannes zu ihm kommen und ihn fragten? 

»Geht und berichtet Johannes, was ihr hört und seht: 

›Blinde sehen und Lahme gehen. Menschen mit Aussatz werden rein. Taube hören, Tote werden zum Leben erweckt, und Armen wird die Gute Nachricht verkündet.‹

Glückselig ist, wer mich nicht ablehnt.«

Diese Bilder sind schon beim Propheten Jesaja zu finden. Mit ihnen wird das Leben beschrieben, das die Menschen erwartet, wenn die von Gott versprochene Zeit des Heils anbricht.

Ich finde es ganz wunderbar, dass Jesus auf die Frage, „bist du der, der kommen soll, oder müssen wir auf einen anderen warten?“ nicht einfach sagt: „Ich bin es“! Das müsst ihr schon glauben ....Nein, alle sollen mit eigenen Augen sehen, dass Jesus der Retter der Welt ist. Alle sollen sehen, dass uns die Taten der Liebe heilen.

Liebe Gemeinde,
ich kann die Ratlosigkeit im Blick auf Krieg, Gewalt, Armut und Umweltzerstörung nicht auflösen. Aber in der Antwort Jesu auf die Frage des Johannes sehen wir doch einen Weg, der uns Schritt für Schritt aus der Ratlosigkeit herausführt. Wir sind seine Nachfolgerinnen und Nachfolger. Wir sind berufen und beauftragt, Zeichen der Liebe zu tun. 

Das können wir aber nur tun, weil wir in der Hoffnung leben, dass Jesus Christus alles, was wir anfangen, zu einem guten Ende bringen wird! Er wird kommen, sein Reich ist schon angebrochen und wird eines Tages alles ausfüllen.

Am letzten Sonntag haben die Konfirmandinnen ein kleines Anspiel gemacht. Das kann ich jetzt nicht wiederholen, aber es gibt einen Text dazu, den die Konfirmandinnen gespielt haben:  

Vier Kerzen brannten am  Adventskranz. Es war so still, dass man sie reden hörte. Die Erste seufzte: „Ich heiße Frieden, aber die Menschen wollen mich nicht.“ Ihr Licht erlosch.

Die zweite Kerze sagte: „Ich heiße Glaube, aber die Menschen mögen von Gott nichts mehr wissen“. Ein Luftzug löschte sie aus.

Die Dritte sprach traurig: „Ich heiße Liebe, aber die Menschen denken nur noch an sich selbst und nicht an andere.“ Ein letztes Aufflackern und sie erlosch.

Da kam ein Kind ins Zimmer, sah die dunklen Kerzen und weinte.

„Hab keine Angst“, meldete sich die vierte Kerze zu Wort: „Ich heiße Hoffnung und solange ich brenne, können wir die Kerzen der Liebe, des Glaubens und des Friedens neu entzünden.“

Amen.

Dr. Johannes Neukirch, Predigt am 17.12.2023
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