(Predigttext: Lk 10,38–42)
Liebe Gemeinde,
die Tür geht auf, Marta kommt nach Hause und begrüßt ihre Schwester Maria. Na, wie ist die Lage, fragt Maria. Mir ist vielleicht was passiert, sagt Marta, ich habe heute ein paar interessante Leute kennengelernt! Hast du schon mal was von Jesus gehört? Ja, sagt Maria, ein Wanderprediger, der zieht mit ein paar Leuten durch die Gegend. Genau, sagt Marta, ich glaube, er hat eine große Macht. Er soll Menschen von ihren Krankheiten heilen können. Und wie der redet – großartig. Ich habe ihn heute gehört, stell dir vor, er ist bei uns im Dorf!
Oh, sagt Maria, das ist ja irre. Ist er noch da? Der würde mich mal interessieren. Ich gehe gleich mal los und schaue, ob ich ihn noch treffe.
Das brauchst du nicht, er kommt heute Abend zu uns, sagte Marta! Er tut was, rief Maria? Ja, ich bin mit einem seiner Begleiter ins Gespräch gekommen, der hat mir gefallen. Und der sagte dann irgendwann, dass sie noch gar nicht wüssten, wo sie ein Abendessen und einen Platz zum Schlafen bekommen können. Und dann habe ich die ganze Truppe eingeladen.
Du bist verrückt, sagt Maria, und die kommen tatsächlich zu uns ins Haus, zu zwei Frauen? Ja, meint Marta, da sind die völlig unkompliziert. Aber jetzt muss ich erst mal einkaufen gehen, wir haben ja gar nichts im Haus. Und dann muss ich ein paar Schlafplätze vorbereiten. Meine Güte, ich weiß gar nicht, ob die ganze Truppe kommt oder Jesus alleine.
So ähnlich muss das gewesen sein. Auch ein Jesus und seine Begleiterinnen und Begleiter müssen essen und schlafen. Oft schliefen sie draußen, aber sie wurden auch immer wieder von ihren Fans eingeladen.
Jesus kam also in das Haus von Maria und Marta, ob alleine oder in Begleitung wissen wir nicht.
Allerdings verläuft der Abend etwas anders als Marta sich das vorstellt. Hören wir mal in den originalen Text hinein:
„Als Jesus mit seinen Jüngern weiterzog, kam er in ein Dorf. Dort nahm ihn eine Frau als Gast bei sich auf. Ihr Name war Marta.
39 Sie hatte eine Schwester, die Maria hieß. Die setzte sich zu Füßen des Herrn nieder und hörte ihm zu.
40 Aber Marta war ganz davon in Anspruch genommen, sie zu bewirten. Schließlich stellte sie sich vor Jesus hin und sagte: »Herr, macht es dir nichts aus, dass meine Schwester mich alles allein machen lässt? Sag ihr doch, dass sie mir helfen soll!«
41 Aber der Herr antwortete: »Marta, Marta! Du bist so besorgt und machst dir Gedanken um so vieles. 42 Aber nur eines ist notwendig: Maria hat das Bessere gewählt, das wird ihr niemand mehr wegnehmen.«“
Hier bricht die Erzählung ab. Schade! Dieser Abend mit Jesus und seinen Freunden hat mit Sicherheit das Leben der beiden Schwestern total verändert. Wie war das? Was hat Jesus zu Marta gesagt: „Du bist so besorgt und machst dir Gedanken um so vieles. 42 Aber nur eines ist notwendig: Maria hat das Bessere gewählt, das wird ihr niemand mehr wegnehmen“?!?.
Ich stelle mir den nächsten Morgen vor. Jesus und seine Leute haben noch gefrühstückt und sind dann weitergezogen. Maria und Marta sind wieder allein.
„Ich kann immer noch nicht glauben, dass du mich so im Stich gelassen hast“ beginnt Marta das Gespräch. “Was glaubst Du, wie ich mich dabei gefühlt habe?“
„Ja, tut mir leid“ sagt Maria, “aber ich war so fasziniert von Jesus und seinen Worten, dass ich alles um mich herum vergessen habe.“
„Ja, das habe ich gemerkt! Und was macht Jesus?? Ich habe mir so viel Mühe gegeben und alles für ihn getan, und er stellt mich dermaßen bloß! „Marta, Marta“ hat er gesagt! Meine Güte, natürlich habe ich mir Sorgen gemacht. Er hat ja richtig Hunger gehabt und ich wollte, dass er genug zu essen und zu trinken hat. Schließlich haben wir nicht jeden Tag so einen prominenten Gast bei uns! Da müssen wir doch einen guten Eindruck machen!“
„Ich verstehe Dich ja!“ sagt Maria, „Aber das alles war Jesus gar nicht wichtig. Nur eins ist notwendig, hat er gesagt. Und weißt Du, was das ist? Ich glaube, er meinte, dass wir mit allem, was uns ausmacht, bei ihm sein sollen. Das ist es. Denn ich war ja voll und ganz auf ihn konzentriert, habe seine Worte geradezu aufgesogen..“.
„Aber ich war doch auch die ganze Zeit in meinen Gedanken bei ihm,“ wehrt sich Marta. „Ich habe überlegt, wie ihm das Essen vielleicht noch besser schmecken könnte und wie ich sein Bett noch angenehmer polstern könnte! Ist das denn nicht meine erste Aufgabe als Hausfrau und Gastgeberin?“
„Ja, Du warst in Deinen Gedanken, Du sagst es!“ entgegnet Maria. „Du warst ganz und gar in deiner Rolle drin. Von seinen Gedanken hast du gar nichts mitgekriegt. Dabei hat er so wunderbar gesprochen! Ich war so ergriffen – ich hätte fast gesagt, wenn du morgen früh wieder gehst, komme ich mit!“
„Du wirst mich doch hier nicht ganz alleine lassen?! Und was sollen die Leute denken? Wir sind Frauen und Frauen gehören ins Haus! Das ist Gottes Wille!“ ruft Marta erschrocken.
„Nein, das ist nicht Gottes Wille!“, sagt Maria. „Es kommt gar nicht darauf an, ob wir Frauen oder Männer sind! Wir Frauen dürfen genauso bei ihm sein wie die Männer! Hast Du doch gestern gesehen. Wir sollen es sogar.“
Liebe Gemeinde,
die Begegnung mit Jesus und seinen Freunden und dieses Gespräch gehen Marta bestimmt noch lange nach. Es ist auch heute noch nicht zu Ende! Es kommt auf unser Handeln an, ja. Es gibt nichts Gutes, außer man tut es, sagt das Sprichwort. Aber wenn wir uns ausschließlich danach richten, sind wir wie Marta. Wir rackern uns ab ohne Ende, wir kommen nie aus dem schlechten Gewissen raus, nicht genug getan zu haben. Darüber kann man müde und bitter werden. Das will Jesus nicht! An anderer Stelle lädt er uns ja direkt ein, zu ihm zu kommen mit unseren Mühen und Sorgen - und neue Kraft bei ihm zu finden.
Besser ist, wir verbinden das Handeln mit dem Hören auf Jesus, lassen uns bei ihm nieder, legen die Hände auch immer wieder in den Schoß, schöpfen immer neu Kraft aus dem, was er uns sagt – das gehört auch zum Handeln! So hat es Maria gemacht. Dann werden wir wie eine Schale, von der Bernhard von Claiveaux in seiner berühmten Betrachtung spricht:
„Wenn du vernünftig bist, erweise dich als Schale und nicht als Kanal, der fast gleichzeitig empfängt und weitergibt, während jene wartet, bis sie gefüllt ist. Auf diese Weise gibt sie, was bei ihr überfließt, ohne eigenen Schaden weiter. Lerne auch du, nur aus der Fülle auszugießen und habe nicht den Wunsch, freigiebiger zu sein als Gott.“
Liebe Gemeinde! Wie schön, dass wir hier in Frieden zusammen Gottesdienst feiern können und dabei hoffentlich wie Maria neue Kraft tanken.
Die Weltlage um uns herum ist ja nicht so schön. Um so aktueller ist unser Text und die Notwendigkeit, auf Gottes Wort zu hören. Wir hoffen und beten, dass es die Verantwortlichen tun.
Dazu passt sehr gut das diesjährige Motto der evangelischen Fastenaktion „7 Wochen ohne“ , es heißt: „Luft holen! Sieben Wochen ohne Panik“. Schauen Sie sich das mal im Internet an, die Fastenzeit beginnt ja am Donnerstag.
„Luft holen! Sieben Wochen ohne Panik“ - Der Marta möchte man zurufen: Ruhig durchatmen, sortieren, nachdenken, Prioritäten setzen. Und zur Maria sollten wir uns einfach dazu setzen und uns mit ihr darauf besinnen, dass Gott die Erde verwandeln will. So wie es in dem Lied heißt, das wir jetzt singen werden: Gott will mit uns die Erde verwandeln, wir können neu ins Leben gehen.
Amen.
Dr. Johannes Neukirch, Predigt am 2. März 2025 in Ahlem und Badenstedt