Predigt am 11. Sonntag nach Trinitatis, 20. August 2023

Sun, 20 Aug 2023 15:48:52 +0000 von Martin-Luther-Kirchengemeinde Ahlem

Predigttext: Lukas 7,36–50, zitiert aus der BasisBibel

Der Pharisäer und die Sünderin

36 Einer der Pharisäer lud Jesus zum Essen ein. Jesus ging in das Haus des Pharisäers und legte sich zu Tisch. 
37 In der Stadt lebte eine Frau, die als Sünderin bekannt war. Sie erfuhr, dass Jesus im Haus des Pharisäers zu Gast war. Mit einem Fläschchen voll kostbarem Salböl ging sie dorthin. 
38 Die Frau trat von hinten an das Fußende des Polsters heran, auf dem Jesus lag. Sie weinte so sehr, dass seine Füße von ihren Tränen nass wurden. Mit ihrem Haar trocknete sie ihm die Füße, küsste sie und salbte sie mit dem Öl. 
39 Der Pharisäer, der Jesus eingeladen hatte, beobachtete das alles und sagte sich: »Wenn Jesus ein Prophet wäre, müsste er doch wissen, was für eine Frau ihn da berührt – dass sie eine Sünderin ist.« 
40 Da wandte sich Jesus an ihn und sagte: »Simon, ich habe dir etwas zu sagen.« Er antwortete: »Lehrer, sprich!« 
41 Jesus sagte: »Zwei Männer hatten Schulden bei einem Geldverleiher: Der eine schuldete ihm fünfhundert Silberstücke, der andere fünfzig. 
42 Da sie es nicht zurückzahlen konnten, schenkte er beiden das Geld. Welcher von den beiden wird den Geldverleiher dafür wohl mehr lieben?« 
43 Simon antwortete: »Ich nehme an der, dem der Geldverleiher mehr geschenkt hat.« Da sagte Jesus zu ihm: »Du hast recht.« 
44 Dann drehte er sich zu der Frau um und sagte zu Simon: »Siehst du diese Frau? Ich kam in dein Haus, und du hast mir kein Wasser für die Füße gebracht. Aber sie hat meine Füße mit ihren Tränen nass gemacht und mit ihren Haaren getrocknet.
45 Du hast mir keinen Kuss zur Begrüßung gegeben. Aber sie hat nicht aufgehört, mir die Füße zu küssen, seit ich hier bin. 
46 Du hast meinen Kopf nicht mit Öl gesalbt. Aber sie hat meine Füße mit kostbarem Öl gesalbt. 
47 Deshalb sage ich dir: Ihre vielen Sünden sind ihr vergeben. Darum hat sie so viel Liebe gezeigt. Wem aber wenig vergeben wird, der zeigt auch nur wenig Liebe.« 
48 Dann sagte Jesus zu der Frau: »Deine Sünden sind dir vergeben.« 
49 Die anderen Gäste fragten sich: »Wer ist dieser Mann, der sogar Sünden vergibt?« 
0,50 Aber Jesus sagte zu der Frau: »Dein Glaube hat dich gerettet. Geh in Frieden.«
 
Liebe Gemeinde,

ein Treffen unter Fachleuten. Einer der Pharisäer lud Jesus zum Essen ein. Also ein Angehöriger einer jüdischen Glaubensgruppe, die bekannt dafür war, dass sie die biblischen Vorschriften und Gesetze sehr streng auslegte. Jesus ging hin und legte sich zu Tisch, das war damals so üblich, bei festlichen Anlässen lag man beim Essen. Wir erfahren, dass auch noch weitere Gäste eingeladen waren, schließlich war Jesus ziemlich bekannt und Simon, so hieß der Gastgeber, wollte vielleicht ein wenig mit dem prominenten Besuch angeben. 

Es ist nicht schwer sich vorzustellen, worüber sich diese Runde unterhalten hat. Über das Gesetz und die Gebote und wie man sich im Leben richtig verhält, um Gott zu gefallen. Vielleicht haben sie Jesus gefragt, warum er sie dauernd provoziert und gegen die Regeln verstößt. War es wirklich richtig, dass seine Jünger am Sabbat Ähren ausgerauft haben oder er, Jesus selbst, an einem Sabbat, einen Menschen geheilt hat?

Sie essen zusammen, bis die Runde krass gestört wird. Plötzlich taucht eine Frau auf, die dort überhaupt nichts zu suchen hat. Sie war eine stadtbekannte Sünderin, was sie getan hatte, erfahren wir nicht. Ganz sicher war sie nicht eingeladen. Irgendwie muss sie sich an den Dienern vorbeigemogelt haben. 

Die Gespräche verstummen, gespannte Stille. Wer reagiert zuerst? Wirft sie der Gastgeber einfach raus? Wie verhalten sich die anderen Gäste? Ich bin sicher, dass alle auf Jesus starren. Wie gesagt, er war ja für seine Provokationen bekannt – wahrscheinlich wollen jetzt alle wissen, was er tun und sagen wird. 

Die Frau hat ein Fläschchen mit Salböl in der Hand, einem Öl mit  wohlriechenden Zusätzen, das bei bestimmten religiösen Handlungen verwendet wird. Sie tritt von hinten an das Fußende des Polsters heran, auf dem Jesus liegt. Sie weint so sehr, heißt es, „dass seine Füße von ihren Tränen nass wurden. Mit ihrem Haar trocknet sie ihm die Füße, küsst sie und salbt sie mit dem Öl.“ Ein Zeichen der Wertschätzung, der Verehrung. Sie weiß, wer er ist, welche Aufgabe er hat, dass er als Retter und Versöhner gekommen ist. Während Simon auf eine Diskussion unter religiösen Fachleuten aus ist, muss diese Frau nichts sagen. Sie zeigt ihm einfach, was sie von ihm hält und vor allen Dingen zeigt sie ihm ganz offen ihre Gefühle.

Eben war das noch eine ganz nüchterne Männerrunde. Aber jetzt, mit dem Auftritt der Sünderin, geht es ganz offen und direkt um Beziehung. Der Pharisäer hat das aber noch nicht gemerkt. Er denkt: „Wenn Jesus ein Prophet wäre, müsste er doch wissen, was für eine Frau ihn da berührt – dass sie eine Sünderin ist.« Jesus merkt sehr wohl, was er denkt und wendet sich ihm direkt zu: »Simon, ich habe dir etwas zu sagen.« Dann bringt er den Vergleich mit dem Geldverleiher: Wer wird den Geldverleiher mehr lieben – der Mann, dem er fünzig Silberstücke schenkt oder der, dem er fünfhundert schenkt? Die Frage ist einfach zu beantworten. Dann sagt Jesus zu ihm: »Siehst du diese Frau? Ich kam in dein Haus, und du hast mir kein Wasser für die Füße gebracht. Aber sie hat meine Füße mit ihren Tränen nass gemacht und mit ihren Haaren getrocknet.  Du hast mir keinen Kuss zur Begrüßung gegeben. Aber sie hat nicht aufgehört, mir die Füße zu küssen, seit ich hier bin. 

Du hast meinen Kopf nicht mit Öl gesalbt. Aber sie hat meine Füße mit kostbarem Öl gesalbt. Deshalb sage ich dir: Ihre vielen Sünden sind ihr vergeben. Darum hat sie so viel Liebe gezeigt. Wem aber wenig vergeben wird, der zeigt auch nur wenig Liebe.«

Die Szene endet damit, dass Jesus zu der Frau  sagt: »Deine Sünden sind dir vergeben.« und »Dein Glaube hat dich gerettet. Geh in Frieden.«

Wenn wir das alles noch mal an uns vorüberziehen lassen, dann sehen wir, dass die Beziehung zwischen Jesus und der Sünderin völlig ohne Worte auskommt. Die Erklärungen sind nur für Simon und die anderen Gäste – und selbstverständlich für uns, die Hörerinnen und Hörer dieser Geschichte. 

Entscheidend ist: Wenn Jesus sagt, dass die Frau deshalb so viel Liebe zeigt, weil ihr so viele Sünden vergeben worden sind, dann muss diese Vergebung ja spätestens in dem Augenblick geschehen sein, als sie das Haus betreten hat! Sie weint, WEIL Jesus sie voll und ganz annimmt. Sie salbt ihn mit Öl, WEIL sie seine Zuwendung und Liebe spürt. Die ist von Anfang an da. Sie braucht keinen Wortwechsel, keine Erklärungen. Die Person Jesus bewirkt das alles, was hier passiert. Es ist seine Präsenz, sein Da-Sein. Er selbst ist die Liebe Gottes – und diese Frau spürt das, weiß das, nimmt diese Liebe an und auf und gibt sie zurück. 

Stundenlang hätte die Essensrunde diskutieren können, ohne dass viel passiert wäre. Eine Frau, die verachtet wurde, die niemals eingeladen worden wäre, kommt gegen alle Regeln dazu und alles ist plötzlich anders. Ihre Hingabe an Jesus zeigt mehr als 1000 Worte -  sie zeigt, dass Jesus der Sohn Gottes ist, der uns mit seinem Vater versöhnen will. Über alle Grenzen hinweg.

Amen. 


Dr. Johannes Neukirch, Predigt am 11. Sonntag nach Trinitatis, 20. August 2023, in Ahlem
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