Predigt am 20. Sonntag nach Trinitatis, 22. Oktober 2023

Mon, 23 Oct 2023 13:50:34 +0000 von Martin-Luther-Kirchengemeinde Ahlem

Predigttext: Markus 10,2–9.13–16

2 Da kamen Pharisäer und fragten ihn: »Darf sich ein Mann von seiner Frau scheiden lassen?« Damit wollten sie Jesus auf die Probe stellen.
3 Jesus antwortete: »Was hat euch Mose vorgeschrieben?« 
4 Da sagten die Pharisäer: »Mose hat erlaubt, dass ein Mann seiner Frau eine Scheidungsurkunde ausstellt und sie wegschickt.«
5 Jesus erwiderte: »Nur weil ihr euer Herz gegen Gott verschlossen habt, hat Mose euch dieses Gebot gegeben.
6 Aber vom Anfang der Welt an hat Gott die Menschen als Mann und Frau geschaffen.
7 Deshalb verlässt ein Mann seinen Vater und seine Mutter und verbindet sich mit seiner Frau.
8 Die zwei sind dann eins mit Leib und Seele. Sie sind also nicht mehr zwei, sondern ganz eins. 9 Was Gott so verbunden hat, das soll der Mensch nicht trennen.«

13 Einige Leute brachten Kinder zu Jesus. Sie wollten, dass er ihnen die Hände auflegte. Aber die Jünger wiesen sie schroff zurück.
14 Als Jesus das merkte,wurde er zornig und sagte zu ihnen: »Lasst doch die Kinder zu mir kommen, hindert sie nicht daran! Denn für Menschen wie sie ist das Reich Gottes da.
15 Amen, das sage ich euch: Wer sich das Reich Gottes nicht wie ein Kind schenken lässt, wird nie hineinkommen.«
16 Dann nahm er die Kinder in die Arme, legte ihnen die Hände auf und segnete sie.

Liebe Gemeinde,
es zerreißt einem das Herz – wenn man an die Menschen denkt, die den entsetzlichen Terror in Israel und die Angriffe im Gaza-Streifen oder den Krieg in der Ukraine hautnah miterleben mussten und immer noch müssen. Man fragt sich, wie die Seele das überhaupt verarbeiten kann, wenn Familienangehörige oder Freunde ums Leben kommen, wenn man die grausamen Videos anschauen muss, wenn man die ganze Angst und Verzweiflung erlebt oder mit ansehen muss. Es zerreißt mir das Herz.

In diesen Tagen verzweifeln Menschen an der Wirklichkeit. Nicht nur die Menschen in Israel. Wir sind ja alle mehr oder weniger betroffen. Demonstrationen in Berlin, aber auch in Hannover, offener Antisemitismus und Hass, Davidssterne, die an Türen von Jüdinnen und Juden gemalt werden, weitere Anschläge in Frankreich und Brüssel. Fachleute, die von der Gefahr eines Flächenbrandes reden. Waffenlieferungen aus Deutschland. Das alles erzeugt Hilflosigkeit und Angst.

Mitten in diese Wirklichkeit hinein spricht unser Predigttext, den wir eben als Lesung des Evangeliums gehört haben. Er beschäftigt sich mit der Ehe und der Ehescheidung und mit der Segnung von Kindern. Auf den ersten Blick sind das Texte von einem anderen Stern. Die können uns doch nichts Wichtiges sagen, schon gar nicht in unserer aktuellen Lage?! 

Aber es geht in ihnen um viel mehr als um Scheidung und Kinder. Sie handeln vom Verzweifeln an der Wirklichkeit, vom Scheitern der Beziehungen, die uns eigentlich zusammenhalten sollen.

„Darf sich ein Mann von seiner Frau scheiden lassen?“ fragen die Pharisäer Jesus. Es geht ihnen darum, ob Jesus mit seiner Antwort im Rahmen der Gesetze bleibt.

Jesus fragt zurück: „Was hat euch Mose vorgeschrieben?“ Mit anderen Worten: Was steht im Gesetz? Die Antwort: »Mose hat erlaubt, dass ein Mann seiner Frau eine Scheidungsurkunde ausstellt und sie wegschickt.« 

Soweit die Oberfläche. Aber es geht ja bei einer Scheidung um viel mehr – um das Scheitern einer tiefen Beziehung! Jesus erinnert an die Schöpfungsgeschichte aus dem 1.Buch Mose. Da heißt es: „Deshalb verlässt ein Mann seinen Vater und seine Mutter und verbindet sich mit seiner Frau. Die zwei sind dann eins mit Leib und Seele. Sie sind also nicht mehr zwei, sondern ganz eins.“ 

Was Jesus noch nicht wissen konnte: Dass wir heute im Zeitalter des Individualismus leben und eine Phase der Romantik hinter uns haben, aus der uns die Vorstellung geblieben ist, es gäbe für jede Frau den einen und für jeden Mann die eine und man müsse genau den oder die finden, um glücklich zu werden. Dieser Gedanke lag Jesus mit Sicherheit fern. Aber trotzdem: auch in seiner Zeit haben sich Paare mit viel Hoffnung vereint, ein gemeinsames Leben aufzubauen. Vor Gott und der Gemeinde haben sie sich das Jawort gegeben. Und doch hat es offensichtlich schon damals nicht immer geklappt. Die Gründe für die heutige, hohe Scheidungsrate sind vielfältig. Ja, manche Paare mögen leichtfertig sein. Aber wie oft scheitern Ehen trotz aller Bemühungen. Auch Christinnen und Christen lassen sich scheiden. Und dann muss die Trennung eben geregelt werden, mit einer Scheidungsurkunde. Damals wie heute. 

Aber Jesus gibt sich damit nicht zufrieden. Er ist überzeugt, dass Gott sich das alles eigentlich bei der Erschaffung der Welt anders vorgestellt hat. In seinem Reich, im Reich Gottes, sind Mann und Frau fähig, beieinander zu bleiben. 

Ähnlich ist das bei der Segnung der Kinder. In bester Absicht kommen Menschen mit ihren Kindern zu Jesus. Sie wollen, dass Jesus sie segnet, ihnen Gutes tut, Ihnen seinen Schutz gibt.

„Aber die Jünger wiesen sie schroff zurück“ hören wir. Warum nur? Denken sie, dass es Jesus zu viel wird? Gibt es irgendein Gebot oder eine Regel, die den Kindersegen verbietet? Ich weiß es nicht. Es ist jedenfalls eine kalte Wirklichkeit, die sich gegen liebevolle Beziehungen stellt. Den Segen verhindern, das ist doch absurd. Wer das erlebt, kann auch an der Wirklichkeit verzweifeln – und ausgerechnet die Freunde Jesus sind dafür verantwortlich.

Wieder öffnet Jesus den Blick auf das Reich Gottes: »Lasst doch die Kinder zu mir kommen, hindert sie nicht daran! Denn für Menschen wie sie ist das Reich Gottes da“ sagt er. Und er setzt noch eins drauf: „Amen, das sage ich euch: Wer sich das Reich Gottes nicht wie ein Kind schenken lässt, wird nie hineinkommen.“ Denn, so können wir ergänzen: Kinder sind offen für direkte, bedingungslose Liebesbeziehungen, sie sind „unverdorbene“ Liebende.

Es zerreißt einem das Herz, ich verzweifele an der grausamen Wirklichkeit. Wie gesagt: Die beiden Geschichten aus unserem Predigttext klingen dagegen harmlos. Aber sie zeigen exemplarisch, dass Jesus eine andere Wirklichkeit verkündigt und vertritt. Er macht eine Tür auf zu der Wirklichkeit Gottes, der uns in Liebe begegnen will. Jesus holt uns hinein in die Beziehung zu Gott,  in der all unser Scheitern nicht verurteilt, sondern geheilt wird. Als Jesus dazu kommt, wie einige Schriftgelehrte und Pharisäer eine Frau steinigen wollen, weil sie beim Ehebruch erwischt wurde, erlaubt er nur dem, der ohne Sünde ist, den ersten Stein zu werfen - worauf sich alle umdrehen und weggehen. Dann fragt Jesus die Frau: „Hat dich jemand verurteilt?“ Sie antwortet „Nein!“ Da sagt Jesus den bemerkenswerten Satz: „Dann verurteile ich dich auch nicht.“ Aber er fügt auch hinzu: “Geh hin und sündige hinfort nicht mehr!“ 

Das Scheitern von Beziehungen, das wir kennen, unter dem wir leiden, das führt bei Jesus nicht zum Abbruch und schon gar nicht zum Tod. Seine Antwort darauf heißt Vergebung und Neuanfang – nur so kommt Gottes Reich in diese grausame Welt.  

Wir leben noch nicht im voll verwirklichten Reich Gottes. Selbst Jesus, sein Sohn, ist ans Kreuz geschlagen worden. Aber sein Vater hat ihn von den Toten wieder auferweckt. Wir leben in der Hoffnung, dass wir eines Tages mit ihm im Reich Gottes sein werden. Diese Hoffnung möge uns Kraft geben, schon jetzt in Liebe zu leben – auch wenn wir immer wieder mal scheitern. 

Unser Predigttext berichtet: Jesus hat sich durchgesetzt. „Dann nahm er die Kinder in die Arme,“ heißt es, „legte ihnen die Hände auf und segnete sie.“ Das können und sollen wir auch, gerade jetzt, wo der Hass scheinbar triumphiert und immer weitere Kreise zieht. Segnen wir, beten wir auch für unsere Feinde, schützen wir die Menschlichkeit! Lassen wir nicht zu, dass der Antisemitismus sich wieder verbreitet.
Amen


Dr. Johannes Neukirch, Predigt in Ahlem am 20. Sonntag nach Trinitatis, 22. Oktober 2023.
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